granate
Ziel aus Richtung Grüneberg und die Wirkung eines gezogenen weißen Bettlakens von einer Weißhaus- bewohnerin April 1945 mit ihren zwei Kindern. Nein, ich habe Trier, meine Heimatstadt nicht verlassen, trotz  "Führers Befehl" (Zeitungsausschnitt von 1944). Es hieß u.a. zum Abmarsch bereithalten, bei Weigerung, Volksverräter und den Maßnahmen der Ortsgruppe NSDAP ausgesetzt. Kurz vor Kriegsende stand plötzlich noch ein "Gestapo-Held" mit Pistole vor mir mit der Aufforderung: Sie haben 24 Stunden Zeit, Trier zu verlassen, oder ich muß meinen Befehl ausführen. Er konnte seinen Befehl gottseidank nicht mehr ausüben, denn der "Feind" war schon im Be- griff anzurücken.
Der damalige Pächter des Cafe Weißhaus Herr Ned- wied mit Familie verließ Trier und vertraute mir das Haus nebst Gewächshaus / Treibhaus) und Bestand an. Er wünschte mir Glück, im Glauben von Bomben auf das Weißhaus verschont zu bleiben. Doch es kam anders. Nach dem ersten schweren Bombenan- griff auf Trier im August 1944 wiederholte sich das Heulen der Sirenen Tag und Nacht und wurde zur be- ängstigenden Gewohnheit. Unterhalb des Gewächs- hauses (Treibhaus) in einer Felsennische hatte Herr Nedwied noch vorher, einen Unterstand gebaut, dort glaubten wir im Falle einer Bombardierung geschützt zu sein, und wir verbrachten dort manche Nacht. Nachrichten hören war strengstens verboten. Doch mit meinem kleinen Volksemfänger war ich über den vorrückenden "Feind" informiert und wußte, daß der im September 1944 einsetzende Granatbeschuß in die Stadt, von der Luxemburger Grenze kam. An bei- den Weihnachtstagen fielen die Granaten Schlag auf Schlag. Die Erschütterungen waren jeweils bis hinauf zum Weißhaus zu spüren. Nachts brannte die Stadt. Mitte Januar 1945 ging ein gewaltiger Granathagel auf Trier nieder, so als sollte die ganze Stadt ein Trümmerhaufen werden. Die Volkssturmmänner schossen aus den Fenstern der Häuser, was das Zeug hielt, um den Sieg noch zu retten. Die alte Brücke war längst mit Sprengsätzen versehen. Eben- so jeder Baum an der Bitburger Straße war in Brust- höhe ausgehöhlt, hierin befanden sich ebenfalls Sprengsätze, weil die Wehrrnachts-Führung annahm, daß der Feind über die Bitburger Straße in Trier ein- rücken werde. Kurz vor Kriegsende befand sich im Keller des Weißhaus noch ein Quartier mit deutschen Soldaten, die sich zum Rückzug durch den Weiss- hauswald in Richtung Biewer bereit machten.
Es kam dann plötzlich alles auf einmal. Auf dem Vor- platz bei der Treppe mit den beiden Löwen standen zurückgelassene Wehrmachtsfahrzeuge.
im Wald auf einer Lichtung ein Flackgeschütz, und dies war das Ziel eines einsetzenden Granathagels aus Richtung Grüneberg. Ein Soldat am Flackge- schütz feuerte zurück und wurde kurz darauf von einer Granate getötet. Die Granaten zischten am Haus vorbei in den Wald. Die linke obere Hausecke wurde getroffen, der Einschlag riß Türen und Fens- tern aus den Angeln. Das Weißhaus hätte mit Sich- erheit den Granathagel nicht überstanden, wenn nicht folgendes passierte: Woher ich bei meinem Handeln den Mut nahm, weiß ich heute nicht mehr zu sagen, doch weiß ich für mein Handeln Genugtuung, wenn es die Wirkung hatte, das Haus vor der Zerstörung zu bewahren. Ich nahm ein weißes Bettlaken, befes- tigte dieses an einem Besenstiel, rannte vom Keller nach oben, kroch auf den Balkon und schob den Besenstiel mit Bettlaken über die Brüstung des Bal- kons, in der Hoffnung, daß die Ferngläser des
Feindes auf dem Grüneberg stark genug waren, mich zu erkennen. Plötzlich trat eine gespenstige Ruhe ein. Bald darauf waren Fahrzeuge der amerika-
nischen Armee auf der gegenüberliegenden Mosel- seite (Zurlaubener Ufer) zu sehen. Über meinen kleinen Volksempfänger hörte ich in den folgenden Tagen das Ende des Krieges. Die ersten Evakuierten kamen in die Stadt zurück und standen meist vor den Trümmern ihres Hab und Gutes. Plünderer waren unterwegs, so auch nachts im Weißhaus, als ich sie bei ihrem Plündern überraschte, ließen sie ihren Karren zurück und ich blieb auf der Lauer. Neben dem Forsthaus Drachenhaus, in welchem der Ober- förster Lautwein mit seiner Familie wohnte, befand sich die Villa Ehlers. Diese wurde von einem ameri- kanischen Offizier besetzt. Nach einer Rundfahrt durchs Gelände, sowie nach einer Besichtigung des Weißhauses sah dieser Offizier die Kinder und mich und ließ am anderen Tag an den Zugängen des Hauses große Zettel anbringen auf denen stand
"off Limits", so war ich in den folgenden Wochen vor Belästigungen geschützt. Noch dem Kriege gab der Pächter Nedwied das Weißhaus auf. Ich zog mit meinen Kindern in eine Wohnung in der Stadt. Das Weißhaus war danach lange Jahre verwaist, bis es durch die Fürsorge der Stadt Trier eine erstaunliche Wiedergeburt erlebte.
 
 
Heute lebe ich, 94 jährig, in einem Altenheim in Speicher.  Wenn eines meiner Kinder mich besuchen kommt und zu einem Ausflug nach Trier mitnimmt so bin ich gerne Gast im Weißhaus und schaue hoch zu dem kleinen Balkon der mich an so Vieles erinnert.
Autorin: Frau  Johanna Michels †, Mutter von Fred Plenkers.       Zur Erinnerung an meine liebe Mutter
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